Aufhebung #6 in Druck

Die sechste Ausgabe unserer Zeitschrift „Aufhebung“ (ISBN 978-3-9503428-5-7) ging heute in Druck und wird rechtzeitig zur vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie in gedruckter Form vorliegen. Die Abstracts und das Vorwort finden sich hier.

INHALT DIESER AUSGABE

Vorwort

Dieter Kraft, Berlin: 
Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft

Kaan Kangal, Nanjing: 
Dialektik, Heuristik und Wahrscheinlichkeit

Andreas Egger, Salzburg: 
An der Front des Weltexperiments. Grundzüge der Philosophie Ernst Blochs, Teil 2.

Andreas Hüllinghorst, Berlin: 
Definitiv unphilosophisch. Eine Rezension von Georg Fülberths Buch „Marxismus“ (Köln 2014).

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Bericht über das Hans-Heinz-Holz-Wochenende in Berlin

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Hermann Klenner bei seinem Vortrag über „Herr und Knecht bei Hans Heinz Holz“.

Aus Anlass des 170-jährigen Jubiläums der Niederschrift der Thesen zu Feuerbach und des 88. Geburtstags von Hans Heinz Holz fand am 01. März die 2. Hans-Heinz-Holz-Tagung im Marx-Engels-Zentrum Berlin statt, die von der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie mitveranstaltet wurde.

Einleitend diskutierte Andreas Hüllinghorst die Interpretationen der Feuerbachthesen von Bloch und Holz. Sind die Thesen Produkte weitreichender Überlegungen Marx’ über Hegels Philosophie, fasse Bloch das in den Thesen vorgestellte Verhältnis von Politik und Philosophie nicht eng genug. Marx formuliere hierin bereits eine Programmatik der Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie. Hieran knüpft Holz an, der mittels der Kategorie gegenständlichen Tätigkeit, unvermittelte Praxis in selbstreflexive Praxis transformieren möchte, um so Theorie und Praxis in ein vermitteltes und nicht disparates Verhältnis zu bringen.

Georgios Kolias analysierte die Feuerbachthesen hinsichtlich der gegenständlichen Tätigkeit und seiner widerspiegelungstheoretischen Interpretation durch Holz. Holz habe das Verhältnis zwischen Tätigsein, Subjektkonstituierung und Wirklichkeitserfassung als wechselseitiges Gefüge aufgefasst und ausgearbeitet. Unklar sei jedoch, inwiefern das Widerspiegelungstheorem von festen Voraussetzungen des Subjekts ausgehe. Die Subjekt-Objekt-Konstituierung sei bereits gegenständliche Tätigkeit, also vorläufiges Produkt einer vorhergehenden Praxis in Wirklichkeit.

Hermann Klenner würdigte Holz’ Arbeiten zu Leibniz. Er sei der erste gewesen, der das Motiv der Herr-Knecht-Problematik bereits in Leibniz verankert und schließlich bei Hegel ausgearbeitet sah. Sieht Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts bereits die entstehende kapitalistische innergesellschaftliche Dynamik als ein Kampf von Privatinteressen, ist es Marx gewesen, der hieran anknüpfend und Hegel kritisierend die Bewegungsformen der bürgerlichen Klassengesellschaft ausarbeitete. Die Aufhebung dieses Antagonismus finde sich in utopischer Form (Bonum commune) bereits bei Leibniz, worauf Holz bereits in seiner Dissertation „Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel“ hinwies.

Stefan Klingersberger stellte die Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie vor. Trotz ihrer erst jungen Geschichte habe die Gesellschaft schon viel erreicht. Anknüpfend an Brechts Diktum der „Organisation der Dialektiker“ sei es der Gesellschaft gelungen einen Ort zur Vertiefung und Erweiterung der dialektischen Philosophie zu schaffen. Darüber hinaus liegen noch weitere Potentiale ungenutzt und werden in naher Zukunft, etwa durch die Gründung eines Berliner Standorts verwirklicht. Klingersberger rief zu weiterer Mitarbeit und Unterstützung der Gesellschaft auf, sodass dialektische Philosophie wieder eine ernstzunehmende Größe werde.

Am Sonntag trafen sich Weggefährten von und junge Interessierte an Hans Heinz Holz und diskutierten die weitere Pflege des philosophischen, ästhetischen und vor allem politischen Erbe von Holz. Neben größeren Publikationsprojekten, wie z.B. der Herausgabe der Gesammelten politischen Schriften, wurde die Inbetriebnahme einer Internetseite, die Gründung eines Freundeskreises und die Sammlung und Nutzung des politischen Vermächtnis zur weiteren Schulungsarbeit angestoßen. Zum 90. Geburtstag Holz’ im Jahre 2017 soll es darüber hinaus eine Großveranstaltung geben, die sich der weiteren Vertiefung und Auseinandersetzung des Holzschen Oeuvres widmet.

Im Anschluss vollzog sich die Gründung des Berliner Standorts der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie. Neben formellen Fragen, die auf der Mitgliedergeneralversammlung stauarisch diskutiert werden (Namensänderung, Voraussetzung zur Gründung weiterer Standorte, …) wurden konkrete Vorhaben und Ideen für das Jahr 2015 und darüber hinaus erörtert. Neben der Initiierung von Lesekreisen zu Klassikern dialektischer Philosophie, sollen Abendveranstaltungen, Diskussionsrunden zu Aufhebung, Workshops zu ausgewählten Themen und Vorlesungsreihen zur marxistischen Philosophie organisiert werden. Die Berliner Gruppe hat somit ihre Arbeit aufgenommen und wird sich mit Tatendrang der Verwirklichung der Vorhaben widmen.

Programm der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie

Flyer 2015_Tagungsprogramm_RS_klein

 

Hier sind die Abstracts zu den einzelnen Vorträgen zu finden:

 

Georgios Kolias: Negation und Totalität

Georgios Kolias  (Wien) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich sein Abstract.

Negation und Totalität – Die logische Bewegung und die Aufhebung der Negation in Hegels Begrifflogik

Die These dieses Vortrags ist, dass die dialektische Entwicklung in der Begriffslogik – also im dritten (bzw. zweiten) Teil der Hegelschen Wissenschaft der Logik – nicht dem in den vorausgehenden Teilen herrschenden Bewegungsmotiv der Negation der Negation entspricht. Dies ist in Zusammenhang mit der besonderen Bedeutung, die die Totalität in der Begriffslogik erhält, zu betrachten. Diese „Modifikation“, die gerade beim Höhepunkt der logischen Entwicklung eintritt, ist in Hinblick auf ihre Implikationen für unser Verständnis von Dialektik zu untersuchen, die auch für den dialektischen Materialismus von Relevanz sind.

Max Zirngast – Bewusstsein, Organisation, Revolution

Max Zirngast  (Wien) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich sein Abstract.

Bewusstsein, Organisation, Revolution –Einige Anmerkungen zu Lukács

Lukács Geschichte und Klassenbewußtsein gilt als Gründungstext des sogenannten Westlichen Marxismus, der in der allgemeinen Wahrnehmung oft als Theorie ohne Praxis klassifiziert wird. Selbst wenn dieses Urteil so zuträfe, gilt dies keineswegs für Lukács Aufsatzsammlung. Die in der für Lukács theoretisch wie praktisch stürmischen ersten Hälfte der 1920er verfassten Schriften stellen nämlich den Versuch dar, dialektisch marxistische Theorie und politische Praxis auf den Begriff zu bringen. Anhand der Begriffe Bewußtsein, Organisation und Revolution versuche ich Lukács Beitrag, sowie seine große Bedeutung für heute zu entfalten.

Franziska Kurka – Systematische Unverständlichkeit

Franziska Kurka (Wien) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich ihr Abstract.

Systematische Unverständlichkeit – Zur Dialektik des spekulativen Satzes als methodologisches Konzept der Hegelschen Phänomenologie des Geistes

Hegel waren „die Klagen über die Unverständlichkeit“ seiner philosophischen Werke wohl bekannt. Weiters lässt sich pointiert behaupten, dass Hegel diese – aus seiner Sicht – notwendigen Verständnisschwierigkeiten des erkennenden Bewusstseins in der Phänomenologie des Geistes zu einer systematischen Darstellung gebracht hat. Welche Funktion aber hat Hegel dieser zuvorderst negativen Erfahrung mit philosophischer Sprache beigemessen?

Über das in der Vorrede zum System vorgestellte Konzept des spekulativen Satzes als Methode einer in der Phänomenologie vollzogenen Kritik des Erkenntnisvermögens kann skizziert werden, worin die angedeutete „Anstrengung des Begriffs“ beim Versuch des Fassens spekulativen Gehalts besteht und wie sich die spezifische dialektische Bewegung des Verstehens solch eminent philosophischer Sätze über die Vermittlung von Subjekt und Substanz entwickelt. Dabei werden konzise systematische Bezüge zum Begriff des Urteils bei Hegel, dem Verhältnis von Logik und Sprache sowie dem Wahrheitsbegriff Hegels gemäß der phänomenologischen Darstellung in die Erörterungen mit einbezogen.

Martin Krenn – Die „Frage nach dem Menschen“

Martin Krenn (Wien) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich sein Abstract.

Die „Frage nach dem Menschen“ – Hans Heinz Holz‘ Lektüre von Plessner auf der Grundlage einer materialistischen Anthropologie

Ist die generelle Programmatik einer materialistischen Anthropologie darauf gerichtet, Schelers Bestimmung des Menschen als „animal metaphysicum“ zu überwinden, ohne seine (in Heideggerschem Sprachgebrauch) fundamentalontologischen Überlegungen gänzlich zu verwerfen, so vermag insbesondere die Lektüre von Helmuth Plessners Schriften durch Hans Heinz Holz nähere Aufschlüsse über Grenzen, Leistungen und mögliche Begründungsszenarien der „Frage nach dem Menschen“ zu geben.

Plessners Verortung einer philosophischen Anthropologie, die dem cartesianischen Dualismus entsagt und hierzu die Doppelaspektivität menschlichen Daseins aus einer einheitlichen Grundposition begreifen will, vollzieht bereits den Schritt hin zu einer materialistischen Position. Menschliche Existenz wird von Plessner aus einer ontologischen Stellung begriffen, die abseits der Dichotomie von Naturalismus auf der einen und Idealismus auf der anderen Seite zu lokalisieren ist. Der Sinneserfahrung und der sinnlichen Rezeptivität kommt hierbei die genuine „Funktion“ zu, konstitutive Prinzipien der gegenständlichen Welt aufzuzeigen und eine „Anthropologie der Sinne“, so der Titel einer späten Abhandlung Plessners, zu entwickeln, der bereits in fundamentaler Hinsicht ein Weltgedanken inhärent ist. Plessner gelangt damit zur Grundfrage einer materialistisch orientierten Anthropologie, der es immer um die Klärung dessen gehen muss, sinnlich-gegenständliche Elemente menschlichen Erkennens und menschlicher Erkenntnis von deren ideeller Repräsentation sauber zu trennen und gleichzeitig als Momente eines einheitlichen Prozesses zu denken.

Holz knüpft an diesem Punkt inhaltlich an Plessner an und erweitert den Begriff einer materialistischen Anthropologie um die Notwendigkeit ihrer dialektisch-ontologischen Fundierung: „Eine Anthropologie, die nicht von der Anmaßung ausgeht, die Welt vom Menschen her zu konstruieren, sondern sich bewusst bleibt, dass der Mensch ein Moment im Ganzen der ihn umfassenden Welt ist, wird von der Besonderheit der Stellung des Menschen in der Welt und folglich vom Verhältnis des Menschen zur Welt auszugehen haben.“ (Holz: Mensch – Natur, S. 141)

Im Rahmen des Tagungsbeitrages soll nun ausgearbeitet werden, wie Holz die Plessnerschen Überlegungen produktiv aufgreift und in der Folge in sein Konzept eines Mensch-Welt-Modells im Ganzen einpasst. Auf dieser Grundlage können schließlich zentrale Problemfelder der anthropologischen Forschung – etwa das Leib-„Seele“- bzw. Sein-Bewusstsein-Problem – auf dialektischer Grundlage reformuliert werden.

Daniel Hohnerlein – Sinnlichkeit exakt begreifen? Mit Hacks und Holz!

Daniel Hohnerlein (Ludwigsburg) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich sein Abstract.

Sinnlichkeit exakt begreifen?
Mit Hacks und Holz!

In den „Maßgaben der Kunst” vergleicht Peter Hacks Widersprüche „einer bizarren Schlucht”; sie seien „keine Risse im Seienden”, „mit sehr viel Klettern” komme man „ihnen schon auf den Grund”; und weil er das „kurze Verfahren” liebt, beschreibt er von ihnen „nur die Topographie der beiden Ränder, häufig nur eines Randes”, denn: „Wer gewohnt ist, in die Tiefe zu gehen, der braucht nicht mehr”. Von der „Form des Kunstwerks” sagt er kurz: Sie „ist die Form einerseits der Welt, sie ist die Form andererseits des Herangehens, des […] kinetischen Habitus”. Im Vortrag soll gezeigt werden, wie wir am Rand des „kinetischen Habitus” mittels seiner metaphorischen Verwendung hinabsteigen können in die Tiefe, in der diese Formen als Ganzes zusammenhängen; doch dies gerade nicht als „vage illustrative Versinnlichung” der Sache, die durch das Wort bezeichnet wird, sondern indem der „metaphorische Gehalt des Wortes” – im Sinne von Hans Heinz Holz – „terminologisch ernst” genommen wird, um es in unserem Denken auf die Höhe eines „exakten Terminus” führen zu können, die es bei Hacks schon einnimmt. Auf ihr
gewinnen wir dann Aussichten: auf Zusammmenhänge in Hacks‘ Ästhetik, in der Geschichte der Ästhetik, auf die Möglichkeit, ästhetische Urteilsfähigkeit auszubilden, auf die Arbeit des
Literaturwissenschaftlers.

Stany Mazurkiewicz – Die logische Begründung der Zahl bei Hegel und Frege

Stany Mazurkiewicz (Dresden) wird bei der Vierten Salzburger Tagung für dialektische Philosophie am 21. März 2015 vortragen. Unten findet sich sein Abstract und seine ausführlichere Zusammenfassung.

Die logische Begründung der Zahl bei Hegel und Frege

Die philosophischen Theorien der Mathematik von Frege und Hegel könnten als gänzlich unterschiedlich erscheinen. Dennoch haben ihre beiden begrifflichen Begründungen der Zahl gewisse Gemeinsamkeiten. Diese Perspektiven möchte ich vergleichen. Meine Hypothese ist die folgende: trotz des historischen Abstands und zwei verschiedener Terminologien, entdecken wir in Hegel einen Versuch, abzuleiten, was Frege einfach postuliert und als solches eine Quelle von Paradoxien war; nämlich eine Theorie der Beziehungen zwischen Einheit und Vielheit.

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