Seminar zur Ästhetik

 

Ästhetik der Unterwerfung oder des Widerstands?
Aktuelle Bedingungen der Kunstproduktion

Seminar mit Prof. Dr. Thomas Metscher und Dr. Werner Seppmann

Auffallend am modernen Kunstbetrieb ist das herrschende Klima des Einvernehmen, obwohl schon auf den ersten Blick vieles fragwürdig erscheint. Eher noch von der professionellen Kunstkritik als von den Künstlerinnen und Künstlern selbst, werden umfassende Relevanzansprüche angemeldet, die jedoch nur selten von der präsentierten Kunst eingelöst werden. Meist stimmen die formale Gestaltung und die inhaltlichen Deklarationen bei den präsentierten „Werkkomplexen“ nicht überein, existiert kein produktives Spannungsverhältnis zwischen Inhalt und Form.

Wird von einem großen Stein, der in einer Baumkrone gehievt wurde, wirklich das Mensch-Naturverhältnis hinreichend thematisiert? Wird durch einen mit Lebensmittelverpackungen gefüllter Mülleimer die Problematik die „Konsumgesellschaft problemadäquat behandelt? Wird durch das museal präsentierte und mit seinen Habseligkeiten beladenen Fahrrad eines Obdachlosen wirklich das gesellschaftliche Verhältnis von Armut und Reichtum reflektiert?

Dieses Beispiele sind typisch für das im hegemonialen Kunstbetrieb präsentierte. Oft werden von der „Modernen Kunst“ zwar drängende Vergesellschaftungprobleme aufgegriffen, meist jedoch in banalisierender Weise behandelt. Kunst ist auch dadurch zum Bestandteil einer Eventkultur geworden: Die Biennale in Venedig und die Documenta in Kassel liefern schon seit Jahrzehnten deutliche viele Beispiele einer Tendenz zur inhaltlichen Bedeutungslosigkeit.

Welche Rolle spielt innerhalb der herrschenden Kultur die Ästhetik der Banalisierung? Bedeutet sie letztlich nicht eine Flucht vor der Tiefendimension der aktuellen Vergesellschaftungsprobleme.

Die Tagung will nach dem spezifischen Charakter zeitgenössischer Kunstproduktion fragen. Es geht um das aktuelle Verhältnisses von Kunst und Gesellschaft vor dem Hintergrund einer manifesten sozio-kulturellen Krisensituation. Die Beschäftigung kulminiert angesichts des verbreiteten Dogmas, dass heute niemand mehr sagen könnte was Kunst sein, in der Fragestellung, welche theoretischen Kriterien für die Bewertung von Kunst noch zur Verfügung stehen.

Damit verbunden soll die Identität und Integrität marxistischer Kunsttheorie betrachtet und diskutiert werden. In diesem Rahmen wird das neue Werk Thomas Metschers „Ästhetik, Kunst und Kunstprozess Theoretische Studien“, ein unverzichtbares Grundlagenwerk über das Verhältnis von Kunst und Welt, in welchem Metscher einen weiten Bogen von den Grundkategorien Poiesis und Mimesis über die Landschaft als kulturellen und ästhetischen Raum, die Metapher des Spiegels und das Erhabene bis hin zu Hegel, Lukács und Hans Heinz Holz spannt, vom Autor selbst vorgestellt. (Die Vorrede zu diesem Buch kann auf Anfrage unter redaktion at dialektik-salzburg.at zugesandt werden.)

Von den Referenten sind im 2013 zum Thema die folgenden Bände erschienen:

Thomas Metscher: Kunst. Ein geschichtlicher Entwurf, Berlin 2013, Kulturmaschinen Verlag (siehe hier)

Thomas Metscher: Ästhetik, Kunst und Kunstprozess Theoretische Studien, Berlin 2013, Aurora Verlag (siehe hier)

Werner Seppmann (Hg.), Ästhetik der Unterwerfung. Das Beispiel Documenta (mit Beiträgen von Heike Frieauf, Thomas Metscher, Thomas J. Richter, Werner Seppmann), Hamburg 2013, LAIKA Verlag (siehe hier)

Weitere Literaturhinweise:

Thomas Metscher, Zwischen Apokalypse und Moderne, junge Welt, 27.11. 2012

Thomas Metscher, Ästhetik der Extreme, junge Welt, 30.09.2013

Thomas Metscher (geb. 1934) studierte Anglistik, Philosophie und Germanistik in Berlin (FU), München, Bristol und Heidelberg. Promotion über Sean O’Casey 1966. 1961-71 Dozent für neuere deutsche Literatur an der Queen’s University of Belfast, Irland. 1971-99 Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte und Theorie der Literatur, Ästhetik und Kulturtheorie. Gegenwärtige Forschungsgebiete: philosophische Grundlagen ästhetischer Theorie, Literaturanalyse, Theorie des Bewusstseins, Fundierungsprobleme marxistischer Theorie.
Wichtigste Veröffentlichungen: Kunst und sozialer Prozess (1977), Kunst, Kultur, Humanität, 2 Bde (1982/1984), Herausforderung unserer Zeit. Zu Philosophie und Literatur der Gegenwart (1989), Pariser Meditationen. Zu einer Ästhetik der Befreiung (1992), Shakespeares Spiegel. Geschichte und literarische Idee, 2 Bde (1995/1998), Welttheater und Geschichtsprozess. Zu Goethes ‚Faust‘ (2003), Imperialismus und Moderne (2009), Logos und Wirklichkeit. Ein Beitrag zu einer Theorie des gesellschaftlichen Bewusstseins (2010).

Werner Seppmann (geb. 1950) hat nach Berufstätigkeit und »zweitem Bildungsweg« Sozialwissenschaften und Philosophie studiert. Langjährige Zusammenarbeit mit Leo Kofler. Ehemaliges Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung. Ehemaliger Mitherausgeber der Marxistischen Blätter. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialstrukturanalyse, Marxismusforschung, Dialektischen Philosophie, Ideologietheorie, Kritischen Gesellschaftstheorie, Klassenanalyse und Kultursoziologie.
Wichtigste Veröffentlichungen: Struktur und Subjekt (1991), Subjekt und System (1993),
Dialektik der Entzivilisierung (1995), Das Ende der Gesellschaftskritik? (2000), Gescheiterte Moderne? (2002), Die Aktualität der Kapitalismuskritik (2002), Ausgrenzung und Ausbeutung (2004), Krise ohne Widerstand? (2010), Die verleugnete Klasse – Arbeiterklasse heute (2011), Risiko-Kapitalismus : Krisenprozesse, Widerspruchserfahrungen und Widerstandsperspektiven (2011), Subjekt und System – Der lange Schatten des Objektivismus (2011), Dialektik der Entzivilisierung. Krise, Irrationalismus und Gewalt (2011), Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage (2013).