Martin Krenn

Marginalien zum großen Werk eines marxistischen Denkers aus Österreich – über Walter Hollitscher

Das sich über ein halbes Jahrhundert erstreckende wissenschaftliche Werk des österreichischen Philosophen Walter Hollitscher versteht sich als Beitrag zu einer dialektisch-materialistischen Theorie des „Gesamtzusammenhangs“ (Engels) und gleichsam als Versuch einer enzyklopädischen Darstellung der mannigfaltigen Resultate der Human-, Sozial- und Naturwissenschaften auf der allgemeinen Grundlage der materialistischen Dialektik. Es ist dies nichts weniger als die Wiederaufnahme eines Programmes, wie es bereits Engels mit seiner Schrift zur Dialektik der Natur vorgegeben hat und dessen theoretisches Herzstück – der dialektische Materialismus – eine neue philosophische Qualität in der Synthesis von Geistes- und Naturwissenschaften bezeichnet, ohne, so Hollitscher, „eine besondere philosophische ‚Überwissenschaft‘ zu sein, ein fix und fertiges System, in dessen Prokrustesbett die Natur durch Strecken und Stauchen hineingezwungen wird“ (Die Natur im Weltbild der Wissenschaft, S. 94).

Ein solcher Anspruch, das „Ganze“ zu denken, impliziert zwangsläufig auch die Klärungsbedürftigkeit der anthropologischen Frage nach der spezifisch menschlichen Verfasstheit. Zwar entwickelt Hollitscher (genauso wenig wie Marx) eine systematische Explikation dieser Fragestellung, kommt jedoch in nahezu allen seinen Werken auf sie zurück. Die angesprochene anthropologische Konstitution des Menschen ist demnach nur in der herausragenden (mit Plessner: „exzentrischen“) Positionalität des menschlichen Seins innerhalb der allgemeinen Naturgeschichte zu erfassen; der Mensch ist als Naturwesen jedoch zugleich Kulturwesen. Dies ist die entscheidende Wendung Hollitschers, der die Auffassung einer a-historischen Wesenheit des Menschen vehement ablehnt und diese vielmehr als historisch variable Größe auf der Grundlage eines allgemein verstandenen Entwicklungsparadigmas verortet. Der Mensch ist nicht, er wird. Der Aspekt des Werdens liefert Hollitscher gleichzeitig das einheitsstiftende Moment, um überhaupt vom Menschen als Ganzheit sprechen und einen ansonsten unvermeidlichen Dualismus vermeiden zu können. Bewusstsein und (menschliches) Sein, Leib und Geist entfalten sich damit vor dem Hintergrund eines naturgeschichtlichen Entwicklungszusammenhangs, dessen Dispositionen gleichzeitig – und in einem nicht-teleologischen Sinne – zu den „Existenzialen“ des menschlichen Seins werden. Determination bedeutet für Hollitscher eben nicht Automatismus, sondern nur die Bedingung der Möglichkeit, warum etwas überhaupt ist und nicht vielmehr nicht (ist).