Jekel: Abstract

Max Horkheimers Reaktion auf Lenins erkenntnistheoretische Streitschrift ‘Materialismus und Empiriokritizismus’

 

In Max Horkheimers nachgelassenen Schriften findet sich ein um 1928 angefertigter, aber zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebener Aufsatz, dessen Gegenstand Lenins philosophisches Hauptwerk Materialismus und Empiriokritizismus (Материализм и Эмпириокритицизм) ist und dessen Herausgabe durch den Frankfurter Horkheimer-Nachfolger Alfred Schmidt vorgenommen wurde (in Bd. 11 von Horkheimers Gesammelten Werken); demnach wurde Lenins 1927 erstmals in einer deutschen Übersetzung erschienene philosophische Streitschrift von dem damaligen Frankfurter Privatdozenten Max Horkheimer mit großem Interesse kritisch rezipiert, wobei es das philosophische Anliegen Lenins war, der erkenntnistheoretischen Verwirrung entgegenzuwirken, die durch Übernahme von Ansichten des österreichischen Physikers Ernst Mach in Teilen der russischen revolutionären Sozialdemokratie entstanden war.
In seinen wissenschaftstheoretischen Werken propagierte Ernst Mach eine skeptizistische Erkenntnistheorie, gemäß der die Annahme einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängig existierenden realen Materie, die Ursache und Ausgangspunkt unserer Sinneswahrnehmungen ist, als unnötig und kontraproduktiv über Bord zu werfen wäre; Mach und seine russischen Anhänger glaubten, in dieser Weise die ihrer Meinung nach falsche philosophische Alternative zwischen erkenntnistheoretischem Materialismus und Idealismus überwunden zu haben. Nur alleine die Sinneswahrnehmungen sind sinnvolle und angemessene Gegenstände unseres wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens, weshalb die Annahme einer in ihnen gegebenen materiellen bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit bzw. Realität überflüssig und schädlich sei – der Materialismus sei somit veraltet.

Nach der niedergeschlagenen Revolution von 1905 flüchtete Lenin aus Russland ins Exil und nutze während seines Aufenthalts in Genf, Zürich, Paris und London die Zeit zur Arbeit in den dortigen wissenschaftlichen Bibliotheken, wo er intensiv recherchierte und von allen Seiten philosophisches Material zusammentrug, um die machistischen und empiriokritischen Ansichten seiner russischen Parteifreunde zu widerlegen, die weiterhin davon überzeugt waren, dass der Marxismus vom Materialismus gereinigt werden müsse, um nicht veraltet zu erscheinen – als Ergebnis von Lenins philosophischer Anstrengung entstand sein im Jahre 1909 zunächst nur in russischer Sprache erschienenes mehr als 300 Seiten starkes Werk Materialismus und Empiriokritizismus, dessen erkenntnistheoretische Pointe darin besteht, den philosophischen Materiebegriff nicht mehr nur alleine in mechanistischer Weise rein stofflich aufzufassen, sondern ihn für auch sonstige physikalische Naturgegebenheiten zu öffnen.

Nach dem politischen Scheitern des Ost-Marxismus, für den bis zu seinem Ende Materialismus und Empiriokritizismus das zentrale philosophische Fundament bildete, hat das Rezeptionsinteresse an Lenins erkenntnistheoretischem Hauptwerk in nicht geringem Umfang abgenommen, so dass sich unter Umständen hier ein gewisses Forschungdefizit angestaut haben könnte; insofern aber auch west-marxistische Theoretiker wie M. Horkheimer und A. Schmidt ihrer kritischen Auseinandersetzung mit Lenins erkenntnistheoretischer Polemik ganz entscheidende philosophische Impulse zu verdanken haben, hoffe ich, hier einen Angriffspunkt ausfindig gemacht zu haben, anhand dessen zu erproben wäre, inwiefern Lenins Argumentation zur Verteidigung des erkenntnistheoretischen Materialismus möglicherweise auch weiterhin in Hinblick auf zeitgenössische wissenschaftstheoretische Problemstellungen ideologiekritsch produktiv gemacht werden könnte.