Gottfried Schweiger

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Von Gottfried Schweiger, Salzburg.

Die hier ausgebreiteten Überlegungen wollen keine abgeschlossene Theorie, nicht einmal eine bestimmte These verteidigen. Sie wollen nicht abschließend oder detailreich die Frage beantworten, was Naturphilosophie sei. Auch will ich keinen naturphilosophischen Inhalt näher explizieren, etwa nach Gegenständen der Physik, dem Raum oder der Zeit fragen. Diese Ausführungen beziehen sich auch nicht auf eine bestimmte historische Epoche oder auf eine bestimmte philosophische Schule, die dargestellt, verteidigt oder kritisiert wird.

Es ist durchaus sinnvoll und redlich, alle diese Aufgaben zu erledigen, und es kann als ein philosophisches Kerngeschäft bezeichnet werden, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Einige längere Ausführungen hierzu wurden von mir selbst vorgelegt, die sich vornehmlich um die Frage nach Sinn und Zweck von dem, was ich dialektische Naturphilosophie nenne, gruppieren1. Dennoch will ich hier etwas anderes versuchen und wie alle Versuche ist ein Scheitern nicht auszuschließen. Ja, es gehört doch zum Wesen – sofern man hier von Wesen sprechen will – der Philosophie und einer jeden wissenschaftlichen und rationalen Tätigkeit, das Scheitern zwar vermeiden zu wollen aber nicht ausschließen zu können. Es heißt, kritikfähig und kritisierbar zu sein.

Im Näheren will ich vier Begriffe diskutieren, die mir mit der Naturphilosophie verbunden scheinen und deren Reflexion eine lohnende Aufgabe ist. Sie entwerfen – wie gesagt – keine Theorie der Naturphilosophie, auch wenn eine solche durchscheinen mag, sondern sollen helfen, die Sache der Naturphilosophie zu erhellen. Was ist Naturphilosophie? Welche Fragen stellt sie und wozu sollten wir Naturphilosophie betreiben? Einige Schwierigkeiten sollen dargestellt und einige vorläufige Antworten skizziert werden. Dies soll also sozusagen eine kurze – sehr kurze – Einführung in die Naturphilosophie, verpackt in eine Form, die nicht abschrecken will, sein. Und wie jede Einführung ist die Auswahl der Themen und die Schwerpunktsetzung ein wenig willkürlich und spiegelt nicht nur den aktuellen Stand der Forschung – wie auch immer dieser definiert sein mag – sondern auch die persönlichen Interessen wider. Ebenso möchte ich darauf hinweisen, dass es mir nicht möglich ist, die Fülle an Argumenten für und wider bestimmter, hier vorgestellter Positionen abzubilden. Dies muss anderen Formen des Nachdenkens und Schreibens über Naturphilosophie überlassen werden, die den Regeln der wissenschaftlichen Rigorosität mehr verpflichtet sind als ich hier. In der Philosophie ist nichts unumstritten.

Die vier Begriffe, die ich nun diskutieren möchte, sind jene der Natur, der Naturwissenschaft, des Wissens und des Menschen. Ich bin überzeugt, dass diese vier für alle Formen von Naturphilosophie von Bedeutung sind und jede Konzeption von Naturphilosophie sich diesen Begriffen und den damit verbundenen Fragen und Herausforderungen stellen muss und zumindest implizit auch immer stellt. Ich halte sie daher auch für das Programm einer wie auch immer gearteten dialektischen Naturphilosophie für wichtig. Wenn man es versuchen wollte, so könnte man dies sowohl historisch, also anhand ausgewählter Entwürfe von dialektischer Naturphilosophie wie der Hegelschen, als auch systematisch, also auf direkt auf die Sache selbst bezogen, zeigen2. Das ist hier allerdings nicht meine Ambition, gerade weil ich daran festhalten möchte, dass es letztlich um die Sache geht, also darum, was Naturphilosophie heute sein kann und wie sie einen Beitrag zu einem besseren theoretischen und praktischen Verständnis der Welt leisten kann.

Natur

Der erste Begriff, den ich diskutieren möchte, ist jener der Natur. Naturphilosophie hat wohl etwas mit Natur zu tun. Und es wäre verwunderlich, von Naturphilosophie zu sprechen, ohne auch über Natur zu sprechen. Die Frage ist vielmehr, was es bedeutet, über die Natur naturphilosophisch zu sprechen. Schließlich definiert Natur die Naturphilosophie als solche. Natur ist der Gegenstand der Naturphilosophie. Das ist in zweifacher Weise aufzuklären. Einmal, was es heißen kann, dass die Natur der Gegenstand der Naturphilosophie ist. Und wie nun dieser Gegenstand eigentlich beschaffen ist. Was ist die Natur? Und was heißt es, diese Frage zu stellen? Zunächst also zur Frage, was es heißt, dass die Natur der Gegenstand der Naturphilosophie ist.

Die Naturphilosophie will die Natur erforschen und verstehen, was sie ist. Dieses Motiv ist durch nahezu alle Entwürfe von Naturphilosophie zu finden. Sie will eine wissenschaftliche Behandlung der Frage sein, was Natur ist und stellt sich daher auch einer sehr großen Anzahl an Fragen, die damit verbunden sind. Was ist ein natürlicher Gegenstand? Gibt es Gesetze in der Natur? In welchem Verhältnis stehen Natur und Kultur, der Mensch und Natur? Naturphilosophie hat die Natur also derart zum Gegenstand, dass sie zunächst einmal gar nicht so genau weiß, was Natur eigentlich ist. Wüsste die Naturphilosophie, was die Natur in allen ihren Facetten ist oder wäre die Antwort auf diese Frage offensichtlich, so brauchte es gar keine Naturphilosophie mehr, wobei sie sicher auch Facetten umfasst, die bereits hinreichend beantwortet sind. Es gäbe nichts zu erforschen und nichts, worüber Naturphilo-sophInnen nachdenken, nichts worüber sie sich austauschen, und keine Themen mehr, über die sie ihre Artikel und Bücher schreiben könnten. Dass es weiterhin Naturphilosophie gibt, liegt also daran, dass wir eben nicht genau wissen, was Natur ist, dass Natur zwar der Gegenstand der Naturphilosophie ist, wir aber viele Fragen über die Natur nicht beantworten können.

Doch ist die Natur auch ein besonderer Gegenstand. So vermuten zumindest viele, und ich stimme dem zu. Die Natur ist etwas anderes als ein Buch, etwas anderes als physische Gegenstände, mit denen wir tagtäglich zu tun haben. Die Natur ist kein Gegenstand, den man angreifen könnte. Sie ist auch kein Gegenstand, den man haben kann. Und doch haben wir alle tagtäglich mit ihr zu tun. Sind doch die Bäume Natur, die wir in den Parks stehen sehen. Das Meer, in das wir schwimmen gehen. Die Luft, die wir atmen und alles, was wir essen. Das alles ist Natur. Und doch auch irgendwie nicht und zwar in diesem fragwürdigen Sinne, dass dies alles zwar Natur ist, wir aber hier doch nicht die Natur vor uns haben. Die Natur bleibt doch, wenn der eine Baum gefällt wird, wenn das Tier stirbt. Die Natur hat Bestand über die einzelnen natürlichen Gegenstände hinweg.

Die Naturphilosophie hat es nicht mit Äpfeln und Birnen zu tun. Wenn wir also sagen, dass die Natur der Gegenstand der Naturphilosophie ist, so ist dies nicht so gemeint, dass irgend-welche einzelnen Naturgegenstände von Naturphilosoph-Innen untersucht werden würden. Die Natur ist vielmehr ein allgemeiner Begriff, auch wenn ich zugebe, dass man sagen könnte, jeder Begriff sei allgemein. Hier meine ich damit, dass die Natur ein Begriff ist, dem keine einzelnen kon-kreten Gegenstände entsprechen. Und die Naturphilosophie beschäftigt sich eben mit diesem allgemeinem Begriff. Oder, um es anders auszudrücken: Naturphilosophie beschäftigt sich mit der Natur als Ganzem, also mit allem, was Natur in seiner unendlichen Vielfalt und Komplexität ist.

Wie kann nun aber ein solcher Begriff Gegenstand der Forschung sein? Es ist einleuchtend, dass man „echte“ Gegenstände und Dinge untersuchen kann, ihre Form bestimmen, sie zerlegen und mit ihnen Experimente machen kann. Was kann man aber mit einem Begriff tun? Dieser ist doch irgendwie nicht so einfach zu handhaben. Diese Frage betrifft natürlich nicht nur die Naturphilosophie, sondern alle Philosophie und weite Teile anderer Wissenschaften. Die Wissenschaft will doch immer auf das Allgemeine, auf grundlegende Gesetze und Einsichten gehen und diese erforschen. Die Frage, wie man einen Begriff erforscht, ist also der Frage, wie man ein Naturgesetz erforscht, gar nicht so unähnlich. Doch nun zurück. Einen Begriff erforschen, also die Natur erforschen, wie das die Naturphilosophie tut, bedeutet vereinfacht gesagt, über die Natur nachzudenken. Die Philosophie hat bisher noch keine bessere Methode gefunden als jene des Denkens – und es ist auch nicht absehbar, dass sich dies ändern wird3. Aber „denken“ ist nun nicht gleich „denken“ und die Naturphilosophie beansprucht, nicht einfach irgendwie zu denken. Sie will als Wissenschaft eine besondere Art des Denkens anwenden, die auch verbürgt, dass ihre Erkenntnisse nicht einfach beliebig sind. Mein Vorschlag ist, drei Bedingungen zu formulieren, die beschreiben, wie die Naturphilosophie über die Natur nachdenkt. Man könnte hier auch von methodologischen oder erkenntnistheoretischen Bedingungen sprechen.

Die erste Bedingung ist diejenige der Klarheit und der Verständlichkeit. Auch wenn es für viele Außenstehende verwunderlich erscheint, so ist ein Ziel der Naturphilosophie doch, in ihren Argumenten möglichst klar und nachvollziehbar zu sein. Wenn unsere Gedanken über die Natur von niemandem verstanden werden können, dann sind sie nicht nur ziemlich sicher nutzlos, sondern auch falsch bzw. macht es einfach keinen Sinn, darüber zu diskutieren, ob sie wahr oder falsch sind. Sie müssen jedoch nicht nur sprachlich klar sein, sondern auch inhaltlich nachvollzogen werden können. Wir müssen über unsere naturphilosophischen Theorien und Thesen diskutieren können. Die zweite Bedingung ist diejenige der Tradition. Die Philosophie ist neben der Theologie wahrscheinlich jene Disziplin, in der Tradition am meisten zählt. Es gibt Hegelianer und Marxisten, kritische Rationalisten und analytische PhilosophInnen, etc. Sich mit der Geschichte der Philosophie, mit unterschiedlichen Positionen und Theorien auseinander zusetzen, war von je her Teil der Philosophie selbst. Naturphilosophie zu betreiben, also die Natur als Gegenstand der Philosophie zu haben, heißt daher auch, sich mit verschiedenen Traditionen auseinander zusetzen und sein eigenes Denken im Denken anderer zu verorten. Die philosophische Literatur über die Natur, wie andere die Natur gedacht haben, ist eine wichtige Quelle der Naturphilosophie4. Die dritte Bedingung ist jene des Dialogs und der Argumentation. Die Naturphilosophie hat den Begriff der Natur, wenn sie sich über ihn mit anderen austauscht und wenn möglichst nachvollziehbare Argumente für den eigenen Standpunkt vorgebracht werden. Ich denke, wir werden niemals wissen, was die Natur ist, wenn wir nicht über unsere verschiedenen Begriffe von Natur miteinander reden. Die Natur denken, heißt also Argumente für und wider eine bestimmte Meinung über die Natur vorzubringen und zu diskutieren.

Damit will ich auch schon übergehen zur zweiten Frage, nämlich wie die Natur denn nun beschaffen ist. Was wir also über sie denken. Nun gut, es gibt wie bei allen großen und auch kleineren Fragen der Philosophie hier keine Einigkeit. Die Naturbegriffe sind so vielfältig, wie die Pflanzen und Tiere in den tropischen Regenwäldern. Die einen verstehen unter Natur den Zusammenhang aller Dinge, die sind, die anderen verstehen unter ihr alles dasjenige, was nicht vom Menschen gemacht wurde. Natur ist für die einen ein erkenntnistheoretisches Konstrukt, also etwas, das gar nicht wirklich existiert, und für andere ist Natur dasjenige, was die Naturwissenschaften erforschen. Einige dieser Facetten werden uns noch weiter beschäftigen, etwa die Naturwissenschaften oder der (scheinbare?) Gegensatz von Natur und Kultur. Darauf kann ich hier also verweisen. Was bedeutet es nun also, dass wir so viele Begriffe von Natur haben? Heißt das, dass wir hier gar keine sinnvollen Aussagen treffen können? Heißt es, dass hier jede seine eigene Meinung haben kann und alle diese Begriffe gleichwertig sind? Sind sie etwa gleich wahr? – Es sei nur kurz angemerkt, dass ich auf die Wahrheit ebenfalls noch zu sprechen kommen werde. – Ich möchte drei Punkte einbringen, die mir wichtig erscheinen und die für die allermeisten Konzepte von Natur bedeutsam sind. Damit will ich den Begriff von Natur zumindest in Umrissen skizzieren und mit Inhalt füllen.

Die Natur ist zunächst der Zusammenhang aller natürlichen Gegenstände. Sie ist somit viele. Es ist nicht gänzlich geklärt, was alles als Naturgegenstand zu begreifen ist. In einigen Fällen ist dies klarer als in anderen, wie etwa in der Differenz zwischen „echten“ Naturgegenständen wie einem Baum, einem Tier oder den Sternen und allen jenen Produkten des Menschen, die manchmal als Kulturgegenstände bezeichnet werden, wie dem Auto, dem TV-Gerät oder einem Popsong. Klar ist jedoch, dass es schier unendlich viele Naturgegenstände gibt bzw. gegeben hat und noch geben wird. Und dass die Natur all diese umfasst, ob wir sie nun kennen und beschrieben oder erforscht haben oder ob diese uns noch unbekannt sind oder vielleicht noch gar nicht entstanden sind.

Zweitens ist die Natur nichts Statisches, sondern in Bewegung oder wie ein Prozess zu denken. Naturgegenstände – und damit auch die Natur – verändern sich, sie entstehen und vergehen. In der belebten Natur ist dies ganz offensichtlich. Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen und gehen allesamt irgendwann einmal zu Grunde. Aber auch in allem anderen in der Natur, angefangen von den Sternen und ganzen Galaxien bis zu den kleinsten bekannten Bestandteilen der Natur finden wir Veränderung. Die Natur hat Geschichte, oder wie wir heute sagen, es gibt eine Evolution in der Natur5.

Der dritte Punkt ist jener der Komplexität. Die Natur besteht nicht nur aus unendlich vielen und unterschiedlichsten Gegenständen, sondern weist auch eine unendliche Komplexität auf6. Naturgegenstände sind nicht „einfach“ Einzelteile, sondern bestehen jeweils aus kleineren Teilen und diese bestehen wieder aus anderen kleineren Teilen. Mit dem Gedanken der Komplexität sind zwei weitere Aspekte verbunden. Jener, dass die Komplexität in der Natur im Laufe der Zeit zugenommen hat. Eine Evolution, die mit unbelebten Gegenständen begonnen hat und sich schließlich bis hin zum menschlichem Gehirn, dem komplexesten Organ, welches wir zur Zeit kennen, entwickelt hat. Außerdem ist offensichtlich, dass Naturgegenstände „mehr“ sind als die Summe ihrer Einzelteile. Ein Mensch ist nicht einfach aus unterschiedlichsten Materialien und seinen Organen zusammengesetzt. Diese erfüllen eine Funktion und machen aus einem Naturgegenstand eine Einheit.

Ich denke, dass diese drei Punkte – Natur als umfassende Allgemeinheit aller Naturgegenstände, Natur als Bewegung und Geschichte, sowie Natur als Komplexität und in sich differenziert – wesentliche Einsichten über die Natur und damit wesentliche Bestandteile eines Begriffes der Natur, wie er Gegenstand der Naturphilosophie ist, beschreiben.

Naturwissenschaft

Wenn man in einer modernen Gesellschaft wie der unseren über die Natur redet und fragt, was wir über diese wissen oder wie wir diese erforschen, so fällt einem vermutlich zuerst die Naturwissenschaft ein und nicht die Naturphilosophie. Es herrscht doch vielmehr die Überzeugung, dass die Naturwissenschaft die einzige und wertvollste Quelle unseres Wissens über die Natur ist. Dieser Feststellung stimmen heute auch viele, vielleicht auch die meisten NaturphilosophInnen zu. Auch sie betonen, dass uns die Naturwissenschaften sehr viel und vor allem sehr viel verlässliches Wissen über die Natur in die Hand geben7. Moderne Gesellschaften sind geprägt von den Naturwissenschaften, ihren Erkenntnissen und auch ihrer Rationalität. Wozu also noch Naturphilosophie? In welchem Verhältnis stehen Naturphilosophie und Naturwissenschaft zueinander? Ich denke, dass hier zwei Einsichten bedeutend sind. Die erste ist, dass die Naturwissenschaft eine bestimmte Form der wissenschaftlichen Erkenntnis von Natur, Naturgegenständen und Naturverhältnissen und -gesetzen ist. Die zweite Einsicht ist, dass die Naturwissenschaft aber die Naturphilosophie nicht ersetzen kann. Zumindest nicht dann, wenn man einen bestimmten Begriff von Naturphilosophie vertritt.

Zu früheren Zeiten gab es die Trennung von Naturphilosophie und Naturwissenschaft nicht. Sie waren eins und NaturphilosophInnen waren NaturwissenschafterInnen und NaturwissenschafterInnen waren NaturphilosophInnen. Die eindeutige und strikte Trennung beider Bereiche erfolgt im Zuge einer prinzipiellen Ablösung der Naturwissenschaften von der Philosophie und ihrer Methode. Dasjenige, was zuvor als die Methode der Naturphilosophie beschrieben wurde, nämlich das Nachdenken über die Natur, wurde immer mehr verdrängt durch Beobachtung und Experiment. Natürlich „denken“ auch NaturwissenschafterInnen über die Natur nach. Die wichtigste Quelle ihrer Erkenntnisse sind jedoch Beobachtung und Experiment, also Beobachtung unter überprüfbaren und kontrollierten Bedingungen8.

Damit hat die Naturwissenschaft einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Naturphilosophie. Sie hat eine Methode „gefunden“, die sehr gute Erkenntnisse über die Natur hervorzubringen vermag. Anders als die philosophische Methode des Nachdenkens und Argumentierens, deren Erkenntnisse sehr viel fragiler und umstrittener sind. Auch die Naturwissenschaften sind in Bewegung, und die Wissenschaftstheorie zeigt sehr klar, dass die naturwissenschaftliche Methode keine Wundermaschine ist, die so ohne weiteres die atemberaubenden Erkenntnisse wie die Entschlüsselung der Doppelhelixform der Gene oder die Evolutionstheorie hervorbringt9. Gerade an solchen beeindruckenden Beispielen naturwissenschaftlicher Theorie zeigt sich nochmals deutlich, dass hier sehr „nachgedacht“ wird und nicht einfach nur beobachtet und experimentiert. Andererseits gibt es auch in den Naturwissenschaften sehr viele Irrtümer, falsche Theorien und Berechnungen, fehlerhafte Experimente oder auch Fälschungen. Es sind noch immer Menschen, die Naturwissenschaften betreiben und dies im Rahmen bestimmter soziale Strukturen tun10. Wenn also auch hier der Erkenntnisgewinn durch die Naturwissenschaft betont wird, so sollte dies dennoch nicht dazu verleiten, die Naturwissenschaft zu überhöhen und deren Begrenzungen und Unzulänglichkeiten zu übersehen. Auch Strömungen in der Philosophie waren und sind anfällig für solch einen überschwänglichen und gänzlich unkritischen Bezug zu den Naturwissenschaften11.

Dennoch ist die Frage nur allzu berechtigt, warum wir neben der Naturwissenschaft noch eine Naturphilosophie benötigen, wenn doch die Naturwissenschaft uns so viel über die Natur sagen kann. Ich möchte zwei mögliche Argumente für die Sinnhaftigkeit einer Naturphilosophie vorbringen. Eines davon bezieht sich auf die Natur als Gegenstand der Naturphilosophie und ein nächstes auf unser eigenes Verhältnis zur Natur.

Ist denn nur dasjenige Natur, was die Naturwissenschaften erforschen? Ich glaube nicht, und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Natur weit mehr ist als dasjenige, was die Naturwissenschaften erforschen. Hier liegt durchaus die Gefahr einer esoterischen Geheimlehre die eine Welt neben oder unter oder oberhalb der physischen, empirisch beobachtbaren Welt postuliert. Dies ist durchaus nicht gemeint. Wenn wir vor uns einen Wald sehen, so kann dies vieles für uns bedeuten. Er kann Objekt biologischer Forschung sein, die den Wald als Ökosystem untersucht, er kann Objekt botanischer Forschung sein, welche die Bäume in diesem Wald untersucht, er kann auch Objekt landwirtschaftlicher Produktion sein, Ort der Erholung, er kann für uns ein schützenswertes Naturgut darstellen oder vielleicht sogar ein sinnliches Erlebnis und das Vorbild künstlerischer Tätigkeit12. Dennoch ist es jeweils nur dieser eine Wald. Er ist und bleibt Natur, seine Bestandteile Naturgegenstände, die naturwissenschaftlich erforscht werden können und dennoch würden wir nicht annehmen, dass die verschiedenen Formen der naturwissenschaftlichen Forschung, die sich mit diesem Wald beschäftigen können, uns alles mögliche Wissen über diesen Wald geben können. Eine weitere wichtige Dimension von Natur, die von den Naturwissenschaften nicht vollständig erfasst werden kann, ist jene des Lebens, welches doch sicherlich Natur ist13. Was heißt es, lebendig zu sein? Viele Dimensionen dieser Frage bleiben bei den Naturwissenschaften ausgespart. Eben weil die Naturwissenschaften nur bestimmtes beobachten und erforschen können. Dies kann jedoch nicht meinen, dass diese anderen Dimensionen nichts mit der Naturhaftigkeit des Waldes zu tun haben. Es ist stets die Natur, der wir gegenüber treten und es ist auch eine Aufgabe der Naturphilosophie, darüber nachzudenken, was es heißen kann, dass wir die Natur in so vielen unterschiedlichen Weisen haben und zu ihr in ein Verhältnis treten.

Damit bin ich auch schon bei meinem zweiten Argument angelangt. Der Mensch, jeder einzelne und wir alle gemeinsam als Gesellschaft, sind einerseits Teil der Natur und andererseits interagieren wir beständig mit der Natur. Wir gehen durch die Wälder, holzen sie ab, verarbeiten Natur, nutzen unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Natur, um unser Leben zu erleichtern. Auch hier ist das naturwissenschaftliche Wissen über die Natur nur ein Teil dessen, was die Natur ausmacht. Wie wir uns selbst und unser Verhältnis zur Natur verstehen, betrifft die Natur, betrifft Wissen über die Natur. Was ist Natur für uns? Diese Frage ist naturwissenschaftlich nicht beantwortbar, sie ist aber wohl ohne naturphilosophische Argumente ebenso wenig zu beantworten. Und sie ist auch sicherlich keine sinnlose Frage. Sie muss weder zu esoterischen, noch abergläubischen oder religiösen Antworten führen. Haben wir der Natur oder einzelnen Naturgegenständen gegenüber eine Verantwortung? Die gesamte ökologische Frage, die in den nächsten Jahrzehnten stetig drängender wird, ist weder ohne die Naturwissenschaften noch ohne die Philosophie und auch nicht ohne all die anderen Wissenschaften beantwortbar.

Obwohl es also sinnvoll ist, Naturwissenschaft und Naturphilosophie zu unterscheiden, und beide ihre eigenständige Form des Fragens besitzen und vor eigenständige Probleme gestellt sind, überlappen einander beide in einigen Bereichen und sind aufeinander verwiesen. Die Naturphilosophie setzt sich mit naturwissenschaftlichen Theorien und Methoden auseinander, und es wird ein guter Teil von naturphilosophischer Forschung solchen Problemen gewidmet, die sich aus der Naturwissenschaft heraus ergeben. Was sagt uns die Naturwissenschaft über die Natur heute? In welchem Verhältnis stehen die unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Disziplinen zueinander? Können wir die gesamte Natur auf physikalische Bestandteile und Gesetze reduzieren? Solche Fragen sind ohne die Naturwissenschaft ohne Zweifel nicht zu beantworten. Dies deckt jedoch nicht den gesamten Bereich der Naturphilosophie ab, und es wäre falsch, diese darauf zu reduzieren, über die Naturwissenschaft nachzudenken. Allein schon deshalb, weil wir eben wissen, dass die naturwissenschaftliche Methode mit Einschränkungen behaftet ist und nicht alles berücksichtigen kann, was Natur ist.

Wissen

Als dritten Begriff möchte ich jenen des Wissens diskutieren. Die Naturphilosophie hat notwendig mit diesem Begriff zu tun, wenn sie eine ernsthafte und wissenschaftliche Angelegenheit sein will. Es ist ein auszeichnendes Merkmal aller wissenschaftlichen Tätigkeit, dass man nicht nur etwas über eine Sache glauben, sondern darüber Wissen erlangen will. Dies meint Wissenschaft. Natürlich wissen wir auch in unserem Alltagsleben allerhand, verwenden den Wissensbegriff in einer Fülle von Fällen und reservieren ihn nicht für die Wissenschaft. Dennoch sollte man gerade in einem wissenschaftlichen und philosophischen Kontext versuchen, hier genauer zu sein.

Die Naturphilosophie will also etwas über die Natur wissen und nicht nur meinen oder einfach behaupten. Alle ihre Antworten, die sie auf die Frage, was die Natur denn sei, sowie alle Antworten auf die vielen Detailfragen, die in der Naturphilosophie auftauchen, beanspruchen als naturphilosophische Antworten, Wissen auszudrücken. Oder zumindest, mehr zu sein als bloße Meinung. Selbst wenn man sich der Klassifikation einer naturphilosophischen Aussage als Wissen enthalten möchte, wird sie doch mit dem Anspruch vertreten, nicht nur die persönliche und vielleicht gänzlich falsche Meinung zu sein. Es wird ja – zumindest hoffentlich – in der Naturphilosophie ebenso wie in allen wissenschaftlichen Disziplinen argumentiert, es werden Gründe für und wider eine Position vorgebracht und es wird angestrebt, dass die so getätigten Behauptungen wahr sind. Also geht es darum, Wissen darzustellen. Dahingehend unterscheidet sich die Naturphilosophie nicht von anderen wissenschaftlichen Disziplinen, und würde sie es tun, so wäre ihr ganzes Tun zumindest fragwürdig. Warum sollte ich über eine Frage nachdenken, eine Antwort formulieren, mit anderen diskutieren, wenn ich nicht daran interessiert bin, dass die Antwort, die so gefunden werden kann, eine Art von Wissen darstellt. Was kann es aber heißen, dass die Naturphilosophie etwas über die Natur weiß. Dafür ist es zuerst nötig, zumindest ganz kurz auf den Wissensbegriff überhaupt einzugehen.

Die Philosophie insgesamt – und damit auch die Naturphilosophie – beansprucht ja nicht nur Wissen hervorzubringen, sondern sie denkt auch über das Wissen selbst nach. Was ist Wissen? Wie können wir überhaupt etwas wissen? Wie kann ich Wissen von Glauben abgrenzen und was ist das besondere an verschiedenen Arten des Wissens, wie etwa jenem der Wissenschaften? Mit der Frage nach dem Wissen ist somit also einmal die Grundlage von Naturphilosophie als wissenschaftlicher und rationaler Tätigkeit angesprochen und von dieser Ebene möchte ich dann übergehen zur möglichen Besonderheit von naturphilosophischem Wissen, gerade im Vergleich zu naturwissenschaftlichem Wissen über die Natur.

Vereinfacht gesagt, Wissen ist als begründete und wahre Meinung definiert14. Wissen hat also drei notwendige und hinreichende Bestandteile, nämlich, dass der Inhalt des Wissens wahr ist, dass wir unser Wissen begründen können oder gute Gründe dafür haben, etwas zu wissen, und dass wir den Inhalt unsere Wissens auch selbst glauben. Es wäre absurd zu sagen, dass man etwas wisse, aber dies weder selbst für wahr halten würde, noch gute Gründe dafür vorbringen könnte. Ebenso ist etwas doch kein Wissen, wenn es falsch ist. Seit einem kurzen Aufsatz von Gettier15 ist zwar klar, dass diese Definition von Wissen so ihre Probleme hat und es gab verschiedentliche, allesamt gescheiterte Versuche, eine vierte Bedingung für die Definition von Wissen zu finden. Das letzte Wort ist in dieser Frage noch nicht gesprochen – für den hier verfolgten Zweck scheint es aber als ausreichend, Wissen im traditionellen Sinn zu verstehen.

Wenn die Naturphilosophie also etwas über die Natur wissen will, oder wenn man Naturphilosophie als wissenschaftliche Tätigkeit betreibt, dann müssen ihre Aussagen, Argumente, Theorien oder Thesen an dieser Definition von Wissen geprüft werden. Die Bedingung der Meinung, also dass man etwas nur wisse, wenn man es selbst glauben würde, lasse ich dabei unbeachtet. Es gibt, soweit ich sehe, keine Fälle, in denen NaturphilosophInnen Theorien oder Argumente vertreten hätten, die sie selbst nicht geglaubt hätten. Es geht mir also um Wahrheit und um Begründung. Und beide hängen in der Philosophie auf eine besondere Weise zusammen, die auch einen Unterschied zu den Naturwissenschaften markiert. In der Philosophie im Allgemeinen und in der Naturphilosophie geht es – wie schon gesagt – darum, gute Gründe vorzubringen und zu argumentieren. Die Naturphilosophie hat gar keine anderen Methode als jene des Nachdenkens und kann ihre Argumente, soweit sie sich nicht auf andere Wissenschaften bezieht, nicht anders stützen als durch die Nachvollziehbarkeit ihrer Argumentation. Sofern man einen naturphilosophischen Satz etwa experimentell beweisen oder widerlegen könnte, stellt sich die Frage, ob er nicht vielmehr bereits ein naturwissenschaftlicher Satz ist. Die guten Gründe, die etwas zu Wissen machen, sind in der Naturphilosophie somit zumeist andere als in anderen Wissenschaften und in der Naturwissenschaft. Das betrifft auch die Frage der Wahrheit.

Eine naturwissenschaftliche These für wahr zu halten, beruht zumeist darauf, dass die Gründe, dies zu tun, durch die naturwissenschaftliche Methode verbürgt sind. Es gibt zum Beispiel ein Experiment, dass diese These beweist oder zumindest hinreichend stützt. Etwas ist dann also auch wahr, weil die Gründe, es für wahr zu halten, gute Gründe sind. Die Methode ist – die philosophisch versierten LeserInnen mögen verzeihen, dass ich hier so grobschlächtig arbeite – die große Stütze der Naturwissenschaft und verbürgt die Wahrheit ihrer Aussagen und damit auch, dass diese als Wissen gelten können. Die Tatsache, dass wissenschaftlich sauber und nachvollziehbar gearbeitet wurde, sind ausreichend gute Gründe, um von Wissen zu sprechen. In der Naturphilosophie haben wir eben keine solche verlässliche Methode, und darum sind die guten Gründe hier auch beständig umstritten. Dies ist in der Philosophie und in manchen Bereichen anderer Wissenschaften nahezu in jeder Frage der Fall. Es gibt, wie gesagt, unzählige unterschiedliche Definitionen von Natur, die allesamt in Anspruch nehmen, gute Gründe für sich vorzubringen und damit auch wahr zu sein. Die Naturphilosophie kann hier nicht anders als beständig zu versuchen, im Rahmen des Austausch von Argumenten weiter zu arbeiten.

Damit ist nicht gesagt, dass in der Naturphilosophie alle Argumente gleich gute Argumente wären oder dass hier Beliebigkeit herrschen würde. Dann wäre die Wissenschaftlichkeit und die Sinnhaftigkeit von Naturphilosophie stark beschädigt. Es heißt vielmehr, dass der Gegenstand der Naturphilosophie, nämlich die Arbeit am Begriff der Natur, das Verstehen von dem, was Natur ausmacht und, was durch die Naturwissenschaften nicht vollständig erforscht werden kann, sich nicht so ohne weiteres festnageln lässt. Weil wir hier eben in vielen Bereichen keine Experimente machen können. Natürlich ist es so, dass einige naturphilosophische Thesen auch mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehen und fallen und dahingehend falsifizierbar sind, auf eine ganze Reihe von naturphilosophischen Argumenten trifft dies aber nicht zu. Sie können nur durch bessere Argumente widerlegt werden. Oder – auch dies sei angemerkt – wenn sie sich selbst widersprechen.

Mensch

Als letzten Begriff möchte ich jenen des Menschen diskutieren und zwar in zwei Bedeutungsweisen. Einmal als Individuum, also als einzelner Mensch, und einmal als Gesellschaft, als Mensch, der mit anderen Menschen lebt und interagiert. Auch dieser Punkt wurde bereits thematisiert, als ich darüber gesprochen habe, welche Fragen die Naturwissenschaft nicht abdecken und erforschen könne. Der Mensch ist natürlich Teil der Natur, er ist ein natürliches Wesen, lebt und stirbt. Er hat sich aus seinen Vorfahren heraus entwickelt und steht in einem naturgeschichtlichen Zusammenhang mit allen anderen Formen und Arten des Lebens. Der Mensch kann daher auch biologisch und naturwissenschaftlich erforscht werden. Die Medizin ist in diesem Sinne ganz Naturwissenschaft. Dennoch gibt es gute Gründe, den Menschen als besonderes Tier zu bezeichnen, seine Eigenständigkeit von der Natur zu betonen und dies auch im Rahmen einer eigenständigen Forschung – in den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften – zu thematisieren16. Die Differenz von Mensch und Natur bzw. die Differenz von Natur und Kultur, wobei ersteres vom Menschen unabhängig und zweiteres als Produkt des Menschen verstanden wird, deutet einen wichtigen Unterschied an, der eben gerade nicht meint, dass es sich hier um zwei völlig verschiedene Sphären oder Gegenstände handeln würde. Natur und Kultur, Natur und Mensch sind aufeinander bezogen17.

Die Naturphilosophie hat genau dieses schwierige Verhältnis von Mensch und Natur, von Kultur und Natur oder von Natur und Technik auch im Blick, wenn sie fragt, was Natur ist. Naturphilosophie reflektiert, ob und wie diese Differenz gedacht werden kann und durch welche Brüche hindurch sie zu verstehen ist. Der Mensch ist Natur und doch ist er auch etwas besonderes. Der Mensch agiert auf eine – zumindest soweit uns bisher bekannt – einzigartige Weise mit der Natur und verändert sie. Er verändert seine Umwelt und dadurch sich selbst. Die Geschichte des Menschen hat sich von der Naturgeschichte gelöst und bleibt doch auf sie bezogen18. Wir kommen nicht aus unseren naturhaften Körpern heraus und übersteigen diese doch mit Ideen, der Wissenschaft, Literatur, Kunst, Politik und Architektur. Viele dieser Fragen sind für die Naturphilosophie Grenzbereiche, in denen auch andere Disziplinen beheimatet sind. Die schon genannten Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften oder auch die Anthropologie. Die Naturphilosophie kann die Frage nach der Natürlichkeit des Menschen als Individuum und als Gesellschaft aber nicht aufgeben. Sie wird sich in die Anthropologie hinein erstrecken, wie dies ausgezeichnet in Helmuth Plessners Werk der Fall ist19.

Neben diese theoretischen Fragen treten auch immer schon praktische. Einige davon sind durch die Entwicklung, die unsere Gesellschaften und Ökonomien genommen haben, von immer größerer Bedeutung. Wie sollen wir mit der Natur umgehen? Haben wir eine Verantwortung für die Natur? Dies betrifft zum Einen vor allem die Natur des Menschen selbst. Gibt es Grenzen der Veränderung der menschlichen Natur durch neue bio-medizinische Techniken. Diese Fragen werden heute nicht mehr als Teil der Naturphilosophie gesehen oder dort behandelt, sondern haben sich in die Bereiche der angewandten und der medizinischen Ethik hin spezialisiert. So wie die Humanmedizin eine herausragende Bedeutung für den Menschen genießt, so auch die philosophischen Fragen, die damit einhergehen. Es wäre vermessen und auch nicht sinnvoll, diese wieder in die Naturphilosophie einzugliedern, in manchen Grundlagenbereichen wird man aber auch im Bereich der Bioethik nicht umhin können, naturphilosophische Fragen zu stellen und zu beantworten.

Der andere große Bereich ist jener der Ökologie und der Umweltethik20. Dieser ist sicherlich ein Kernbereich einer praktischen Naturphilosophie, der ohne die theoretische Naturphilosophie genauso wenig denkbar ist wie ohne die Naturwissenschaft. Hat denn Umweltschutz einen eigenständigen Wert oder ist er stets nur dem Menschen zuliebe sinnvoll? Welche Art von Umwelt und Natur wollen wir erhalten und uns in Zukunft leisten? All diese Fragen beziehen sich immer auch darauf, was wir als Natur verstehen und wie wir uns selbst darin verorten Sie beziehen sich ebenso auf den Einzelnen wie auf die Gesellschaft. Welche Verantwortung haben wir selbst, jeder für sich? Und welche Verantwortung haben wir als Gesellschaft? Wie organisieren wir die Nutzung der Natur, der natürlichen Ressourcen, die uns unser Leben erst möglich machen21?

Schluss

Nach diesem Durchgang will ich ein kurzes Resümee ziehen. Naturphilosophie ist eine Disziplin, die es im Schatten der Naturwissenschaft nicht immer leicht hat. Sie ist vielleicht sogar fragwürdiger als andere philosophische Teildisziplinen. Sie hat jedoch ihren eigenen Sinn und Zweck, der sich daraus ergibt, dass die Natur mehr ist als dasjenige, was die Naturwissenschaften als Natur erforschen, dass wir selbst Teil der Natur sind und dass wir uns wie auch unser Wissen über die Natur besser verstehen wollen. Wenn es also gute Gründe gibt, Naturphilosophie zu betreiben, so gibt es auch gute Gründe, dies ernsthaft zu tun und auf die Voraussetzungen von Naturphilosophie zu reflektieren. Dies lässt sich unter anderem durch die vier Begriffe der Natur, der Naturwissenschaft, des Wissens und des Menschen zeigen. Sie erhellen sowohl Inhalt als Methode, Fragen und Ziele, Möglichkeiten und Grenzen von Naturphilosophie. Ich hoffe, dass dadurch die Bedeutung der Naturphilosophie als Disziplin für sich selbst und im Zusammenhang mit anderen Disziplinen deutlich geworden ist. Die angesprochenen Fragen, Themen und Herausforderungen mit Inhalten zu füllen, bleibt eine beständige Aufgabe.


Anmerkungen

1 Schweiger 2010a; Schweiger 2011a.

2 Schweiger 2010b; Schweiger 2011b.

3 Rescher 2001.

4 Köchy 2003; Schiemann 1996.

5 Sarasin und Sommer 2010; Wuketits 2005.

6 Greve und Schnabel 2011.

7 Esfeld 2002.

8 Chalmers 2001; Bogen 2008.

9 Keller 2002; Weber 2004.

10 Knorr-Cetina 2002.

11 Keil und Schnädelbach 2000.

12 Böhme und Schiemann 1997; Kummer 2009.

13 Kather 2003.

14 Baumann 2002; Pritchard 2010.

15 Gettier 1963.

16 Schmidinger und Sedmak 2010.

17 Oehler 2010.

18 Dux 2000.

19 Gamm, Gutmann, und Manzei 2005; Holz 2003; Plessner 1981.

20 Kather 2012; Köchy und Norwig 2006.

21 Becker und Jahn 2006.


Literatur

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Becker, Egon, und Thomas Jahn, Hrsg. 2006. Soziale Ökologie : Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen. 1. Aufl. Frankfurt am Main / New York, NY: Campus.

Bogen, James. 2008. „Experiment and Observation“. In The Blackwell guide to the philosophy of science, hg von. Peter Machamer und Michael J Silberstein, 128–148. 1. Aufl. Malden, MA: Blackwell Publishers.

Böhme, Gernot, und Gregor Schiemann, Hrsg. 1997. Phänomenologie der Natur. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Chalmers, Alan F. 2001. Wege der Wissenschaft : Einführung in die Wissenschaftstheorie. 5. Aufl. Berlin / Heidelberg: Springer.

Dux, Günter. 2000. Historisch-genetische Theorie der Kultur : instabile Welten : zur prozessualen Logik im kulturellen Wandel. 1. Aufl. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Esfeld, Michael. 2002. Einführung in die Naturphilosophie. 1. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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Gamm, Gerhard, Mathias Gutmann, und Alexandra Manzei, Hrsg. 2005. Zwischen Anthropologie und Gesellschaftstheorie : zur Renaissance Helmuth Plessners im Kontext der modernen Lebenswissenschaften. 1. Aufl. Bielefeld: Transcript.

Gettier, Edmund L. 1963. „Is Justified True Belief Knowledge“. Analysis 23: 121–123.

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