Gottfried Schweiger

Historisch-systematische Überlegungen zur Frage der Ethik. Aristoteles – Kant – Hegel

Ausgangspunkt folgender Überlegungen ist die Frage, welche Frage die Ethik zu stellen hat. Sie zu ergründen, wird hier an einem historischen Leitfaden geschehen, der sich nicht nur willkürlich ergibt als sich an systematischen Gesichtspunkten orientiert. Der Grund für diese Bezugnahme auf den Fundus der Philosophiegeschichte ist ein zweifacher: Zum einen erweisen sich die hier zu diskutierenden Theoreme und Theorien als beständige und weiterhin wirkende. Sie haben sich noch nicht überholt und sind auch nicht in den Schoß des Unbedeutenden zurückgegangen. Weiters ist es für die Ausbildung einer Struktur von Vorteil sich jene zu vergegenwärtigen, die sich dem in Frage stehenden Komplex bereits gewidmet haben. Es ist ein Lernen aus den Einsichten und auch Fehleinschätzungen derer die Vorangegangen sind. Also nicht aus bloß historischem Interesse werden hier „klassische“ Positionen bearbeitet sondern vielmehr aus einem selbst systematischen, aus einer Perspektive, die sich weiters darüber im Klaren ist, dass philosophische Systeme, die Struktur des Zusammenhangs von Begriffen nicht einfach zu Tage treten, sie müssen erarbeitet werden. Wäre der Zusammenhang aus sich selbst heraus ohne die Anstrengungen der Vernunft zugänglich, bräuchte es keine Philosophie. Und diese Anstrengungen liegen geronnen in den verwirklichten Gedanken, die Geschichte der Philosophie heißt.

Im Näheren werden drei Fragen herausgestellt werden: (1) Jene nach dem Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft bei Aristoteles als Grundmodell einer am guten Leben orientierten Ethik, die sich auf die Möglichkeit der Verwirklichung des Menschen als Menschen richtet. (2) Jene nach dem Rückgang auf die sich selbst bestimmende Vernunft als alleiniger Horizont der Ethik bei Kant, die sogleich eine Loslösung von der Frage nach dem guten Leben in sich birgt wie auch die Trennung von Moralität und Recht. (3) Jene, die sich der Aufhebung der Kantschen Trennung und damit der Sittlichkeit als verwirklichte Moralität zuwendet. Sie ist im Hegelschen Programm geronnen, welches eine Aufnahme der ersten beiden Fragen in ihrem Zusammenhang sein will. Es schließt sich damit, wenn man so will, ein Kreis, der aber, wie eine Kritik zeigen wird, die Lösung des oben gestellten Erkenntnisinteressens noch außerhalb seiner hat aber hierauf deutet und verfolgenswerte Hinweise liefert. Diese Hinweise werden zum Abschluss gefasst werden.