Neumann: Abstract

Spiegel ohne Stanniol – Derridas Dekonstruktion der Spiegelmetapher auf dem Prüfstand

 

Die Spiegelung ist ein Ausdrucksverhältnis par excellence. Schon in den frühesten Zeugnissen der menschlichen Kultur lassen sich relativ klar zwei Grundzüge des Spiegelverhältnisses und seiner Funktion anhand antiker Texte ablesen. In Homers Ilias finden wir im 16. Gesang den Schild des Achilleus beschrieben, der neben seiner pragmatischen Funktion der Verteidigung zudem ein mit Bildern geschmücktes Kunstwerk darstellt. Die in 180 Hexametern beschriebene „Totalität der Nationalanschauung“ (Hegel) wird durch die „schönen Gebilde“ mimetisch gespiegelt, und zwar doppelt reflexiv: Durch die beschriebenen Bilder und die Beschreibung derer selbst. Die Bilder des Schildes entwerfen so ein „in sich geschlossenes Abbild einer Lebensganzheit“ (Holz/Metscher). Eine auf die Subjektivität des Reflexionsvorgangs hin pointierte Erzählung liefert uns Ovid durch seine Überlieferung des Narziss-Mythos in den Metamorphosen. Die Arbeit am Mythos durch Ovid zeichnet die Geburt des menschlichen Reflexionsvorgangs: „Daß ich im Anderen mich selbst erkenne und doch es als ein Anderes anerkenne“ (Holz/Metscher). Damit zeigt der Spiegel sein Wesen: „er ist Selbstverhältnis an sich und Medium des Selbstverhältnisses für uns.“ (Holz/Metscher). In der langen Geschichte des Gebrauchs und der Funktionalisierung des Spiegelsymbols, später dann der Spiegelmetapher, lassen sich diese beiden Seiten, objektiver und subjektiver Geist, freilich in immer anderen Verteilungen und Gewichtungen der Anteile beobachten, so dass die Spiegelmetapher gerade in ästhetischen Gebilden in der Funktion „den Vermittlungsprozess des Subjekts mit sich und der Welt zu vergegenständlichen, […] eine alle theoretischen Systematisierungen übergreifende und überdauernde Ausdruckskraft [besitzt]“ (Holz). Hans Heinz Holz und Thomas Metscher verweisen in einer Vielzahl von Texten auf Beispiele, die den Spiegel dort, wo die Metapher substanziell gebraucht wird, zum Aushängeschild des philosophischen Realismus avancieren lässt. Denn ihrer Struktur nach besteht die Metapher auf einen philosophischen Realismus, nämlich darauf, dass es unabhängig von unseren geistigen Vorgängen, wie dem Denken, Vorstellen oder Sprechen, äußerliche Dinge gibt, auf die wir Bezug nehmen: „Außerhalb des Spiegels befindet sich das Seiende. Es ist als einziges der drei im Vorgang der Spiegelung umgriffenen Elemente unabhängig vom Spiegeln als solchem. Während der Spiegel nur ein solcher ist, indem er spiegelt – während das Gespiegelte als solches erst vom Spiegel hergestellt wird, ist es dem Ding akzidentiell, daß es Bespiegeltes sein kann. Es ist vom Spiegel unabhängig […] Steht einem solchen Seienden ein Spiegel gegenüber, so ist das Seiende nicht frei, sich zu spiegeln oder nicht“ (Holz). Gerade die Verschränkung bzw. In-Eins-Setzung der Priorität des Seins und des virtuellen Primats des Bewusstsein, „die realistische mit der bewusstseinsphilosophischen, die reale mit der phänomenalen Perspektive“ (Zimmer), macht die Spiegelmetapher zum Vehikel des Ausdrucks von Welt- und Selbstverhältnissen für uns.

Dem impliziten Realismus der Spiegelmetapher stehen die herrschenden Diskurse in den Literaturwissenschaften kritisch, gar feindlich gegenüber. Exemplarisch für einen offensiven Antirealismus steht Jacques Derrida, der sich in der Textsammlung Dissemination mit der Spiegelmetapher im Kontext von Mallarmé beschäftigt. Derrida markiert im Umkreis des Poststrukturalismus und seiner Problemstellung von Subjektivität die vielleicht konsequenteste oder doch philosophisch weitestreichende Position. Für Derrida bedeutet die ’subjektzentrische‘ Reflexionsphilosophie vor allem die in die Neuzeit verlängerte Onto(theo)logie. Dieser Position korrespondiert, laut Derrida, die an eher punktuellen, aber einschlägigen Textstellen eingesetzte Spiegelmetaphorik in Mallarmés Werk. So ist er darum bemüht, sich der Spiegelmetapher durch verschiede Konzepte (beispielsweise dem der ‚Faltung‘) antirealistisch zu nähern, um die Spiegelmetapher von ihren metaphysischen Implikationen zu bereinigen. Der Vortrag möchte sich bemühen, die Argumentation Derridas darzulegen und fragt schließlich, ob ihm der poststrukturalistische/dekonstruktivistische Exorzismus der reflexionsphilosophischen Implikationen der Spiegelmetapher gelingt oder ob Derridas Bemühungen die ‚Welthaftigkeit des Bewusstseins‘ in Abrede zu stellen ins Leere laufen und sich Derridas dekonstruktivistischer Entwurf nicht letztlich als politisch-ideologisch determinierte Position erweist.