Krenn: Abstract

Karl Jaspers, die „Achsenzeit“ und die marxistische Geschichtstheorie

Mit „Achsenzeit“ umschreibt der deutsch-schweizer Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) die von ihn vorgenommene Neupositionierung der anthropologischen Stellung des Menschen in der Geschichte, die sich entlang der globalgeschichtlich zu beschreibenden Entwicklung einer rationalen Bewusstseinsphilosophie festmachen ließe. Kernstück dieses Theorems bildet die von Jaspers getätigte Feststellung, wonach im Zeitraum von 800 bis 200 v. Chr. ein empirisch einheitlicher Bezugspunkt in fernöstlich-orientalisch-abendländischer Perspektive bezeichnet werde, der sich durch die Gleichzeitigkeit einer Neuordnung des „geschichtlichen Selbstverständnisses“ ergeben habe und die „überwältigendste Fruchtbarkeit in der Gestaltung des Menschseins“ darstelle. In dieser Zeitspanne sei „der Mensch, mit dem wir bis heute leben“, entstanden. Die Grundlage dieser angesprochenen Neuorientierung sah Jaspers nun in einem kognitiv-bewusstseinsmäßigen Paradigmenwechsel in allen drei Welten: Der Mensch, so Jaspers, sei sich „des Seins im Ganzen, seiner selbst und seiner Grenzen bewußt“ geworden. Er „erfährt die Furchtbarkeit der Welt und die eigene Ohnmacht. Er stellt radikale Fragen. Er drängt vor dem Abgrund auf Befreiung und Erlösung. Indem er mit Bewußtsein seine Grenzen erfaßt, steckt er sich die höchsten Ziele. Er erföhrt die Unbedingtheit in der Tiefe des Selbstseins und in der Klarheit der Transzendenz.“ (alle Zitate aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Ungekürzte Neuausgabe, München 1963)
Im Rahmen der Ausführungen auf der Wiener Tagung soll der Versuch unternommen werden, Jaspers‘ Theorem von der „Achsenzeit“ einer Relektüre aus Perspektive der marxistischen Geschichtstheorie zu unterziehen, wobei hier insbesondere auf die Leistungsfähigkeit der so genannten materialistischen Formationstheorie einzugehen ist. Vor diesem Hintergrund kann die a-historisch anmutende Überdeterminierung der Problemgeschichte des menschlichen Denkens durch Jaspers um eine historisch-soziologische Problemebene erweitert werden, die nach der spezifischen historischen Verbindung von ideeller Reflexion und materieller Produktion frägt. Die „Achsenzeit“ wäre in einer solchen Perspektive eine formationsgebundene historische Erscheinung, der in ihr von Jaspers beschriebene neue Gehalt des Denkens wieder rückgekoppelt an die ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung. Nur eine derartige Erweiterung des geschichtsphilosophischen Fundaments der These kann, so die zentrale These des Vortrags, eine geschichtsphilosophische Verengung der „Achsenzeit“ verhindern und gleichzeitig das empirische Problem lösen, das mit diesem Konzept verbunden ist: die Frage, wieso uns der moderne Mensch im Zeitraum 800 bis 200 v. Chr. zwar begegnet, jedoch erst in der Epoche der Aufklärung gewissermaßen „zu sich“ findet.