Vorwort

Von Andreas Hüllinghorst und Stefan Klingersberger für den Vereinsvorstand, vorstand@dialektische-philosophie.org

Das Heft 7 unseres Periodikums Aufhebung ist das erste unter dem neuen Namen unserer Organisation: Gesellschaft für dialektische Philosophie. Wir konnten unser im Heft 6 angekündigtes Vorhaben verwirklichen und uns nach den ersten erfolgreichen Aufbaujahren unter dem Namen »Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie« – auf den gesamten deutschsprachigen ausdehnen.

Der Grund für unsere Umbenennung ist, dass es auch außerhalb Salzburgs Menschen gibt, die in organisiertem Rahmen für die Aneignung, Weiterentwicklung und Vermittlung dialektisch-materialistischer Philosophie tätig sein wollen. Das war auch im Jahr 2012 schon klar, doch wollten wir uns – bzw. wollten die Salzburger Vorreiter unserer Organisation sich – nicht vorzeitig so weit aus dem Fenster lehnen, durch den Namen eine über die Region hinausgehende Wirksamkeit zu suggerieren. Aufgrund der glücklichen Entwicklung der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie hat sich aber genau eine solche Wirksamkeit entfaltet. Die Erklärung für unsere erfreulich positive und schnelle Entwicklung ist einfach: Der Tod von Hans Heinz Holz sowie das Einstellen der Zeitschrift TOPOS haben eine Lücke hinterlassen, die gefüllt werden musste. Nach Entstehen der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie haben nicht wenige KollegInnen und GenossInnen diesbezüglich Hoffnungen auf uns gelegt.

Es lag daher nahe, auf die vorhandenen Strukturen aufzubauen und unsere Organisation in eine überregionale Gesellschaft für dialektische Philosophie zu verwandeln. Bei der Generalversammlung am 22. März 2015 wurde dieser Schritt vollzogen. Neben der Umbenennung wurden Rolle und Arbeitsweise der Grundorganisation statutarisch festgelegt, um der veränderten Realität gerecht zu werden und einen formalen Rahmen zu geben. Details finden sich im neuen §13 unseres Statuts.

Die ohnehin notwendige Statutenänderung wurde auch genutzt, um unsere Ziele klarer und ausführlicher zu umreißen. Dies führte zu einer völligen Neufassung unseres Vereinszwecks in §2 unseres Statuts, die aber keinen Bruch bedeutet, sondern eine Weiterentwicklung und Präzisierung unseres Selbstverständnisses, wie es auch zuvor bereits angelegt war. Neben dem Zweck wird nun auch der Grund unseres Tuns dargelegt, und zwar im neuen §0. Beide Paragraphen werden hier aus Platzgründen nicht zitiert, sie können auf unserer Homepage nachgelesen werden: http://www.dialektische-philosophie.org/?page_id=970

Bei der Generalversammlung wurde auch ein neuer Vereinsvorstand gewählt, in welchen vier von sieben Personen neu hinzugestoßen sind. Die Vorstandsarbeit entwickelt sich seither – wenn auch schleppender, als man wünschen möchte, und mit Hürden, aber doch viel deutlicher als es im alten Vorstand der Fall war – zu einer tatsächlich kollektiven Arbeit. Diese ist Voraussetzung für ein längerfristiges Erstarken unserer Organisation sowie zur Erfüllung unseres Selbstanspruches im neuen §0 unseres Statuts, wo es als erforderlich bezeichnet wird, dass die zur Erringung einer neuen Gesellschaftsordnung nötige weltanschauliche Orientierung kollektiv erarbeitet wird.

Mit der Umorganisierung der Salzburger Gesellschaft in eine den deutschsprachigen Raum übergreifende Gesellschaft für dialektische Philosophie mit einem klaren Vereinszweck und Selbstverständnis wurde ein noch größerer und wichtigerer Schritt getan als mit der Gründung der Salzburger Gesellschaft im Jahr 2012, und zwar auf einem höheren Niveau, weil auf Vorarbeit aufbauend. Ob sich die erneuerte Gesellschaft auch angesichts der im gleichen Maße gewachsenen Herausforderungen bewähren wird, ist allerdings noch offen. Die Antwort auf diese Frage hängt nicht zuletzt von der Unterstützung und Aktivität unserer Mitglieder, LeserInnen, AutorInnen und SympathisantInnen ab.

Ausdruck der Aufmerksamkeit für die Gesellschaft sind auch die Beiträge in dem hier vorliegenden Heft. Der bekannte marxistische Literaturwissenschaftler Thomas Metscher, der Jahrzehnte im wissenschaftlichen Austausch mit Holz stand, eröffnet die Aufhebung 7 mit einer umfangreichen Arbeit über den Begriff des Gesamtzusammenhangs. Friedrich Engels hatte ihn für den Dialektischen Materialismus zu Bewusstsein gebracht, und Holz hat seine logische Grundstruktur auf der Basis von Leibniz` Monadenlehre zu einer Widerspiegelungstheorie fortentwickelt. Metschers Anspruch ist es, die Theorie des Gesamtzusammenhangs zu konkretisieren. In einem Fünfschritt von der unmittelbaren Alltagserfahrung vom Ganzen über das Denken des Gesamtzusammenhangs der Gesellschaft, über die Theorie der Geschichte derselben und über die Bestimmung des Verhältnisses der menschlichen Welt zur Natur kommt Metscher zum Begriff der Wirklichkeit als des Ganzen alles Seienden.

Den Gesamtzusammenhang denken heißt ihn zu erkennen. Der zweite große Aufsatz im Heft 7 kann als Grundlagenbeitrag zur Beantwortung dieser Frage verstanden werden. Wolfgang Schmidt, einer der ersten Studenten bei Holz in Marburg im Jahr 1973, analysiert die »andere Seite der Grundfrage«, also die nach dem Erkennen der Wirklichkeit durch das Bewusstsein. Die verschiedenen Aspekte des Verhältnisses des Ideellen als umgekehrtem Materiellen zum Materiellen selbst entwickelt Schmidt mit Präzision und Folgerichtigkeit: das Verhältnis der erkenntnistheoretischen Seite zur ontologischen Seite der Grundfrage, das Zirkelproblem der Erkenntnistheorie als Teil der Erkenntnistheorie, Einheit und Gegensatz von Materiellem und Ideellem in der menschlichen Tätigkeit, Übergang zur Frage des Verhältnisses von Subjekt und Objekt sowie schließlich die objektive Bestimmtheit der Tätigkeit.

Der dritte Beitrag handelt wiederum vom Gesamtzusammenhang. Stefan Otto wendet die Dialektik vom Ganzen und seinen Teilen auf das Verhältnis von Gehirn, Bewusstsein und Umwelt an. Er kritisiert mit dieser Dialektik Arbeiten der Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer, die eine ausschließliche und daher einseitige Bestimmung des Bewusstseins durch Synapsen und Neuronen behaupten. Eine Bestimmung des Bewusstseins durch die Umwelt wird strikt verneint.

Um Holz Theorie des Gesamtzusammenhangs ging es bereits in Aufhebung 3. Darin schrieb Claudius Vellay den Beitrag »Hans Heinz Holz’ metaphysische Idee des Gesamtzusammenhangs«. Immer wieder erreichten uns Äußerungen von Leserinnen und Lesern, die mit diesem Aufsatz nicht einverstanden waren. Kaan Kangal hat nun Vellays Vorstellungen einer ausgiebigen und scharfen Kritik unterzogen. Er eröffnet mit ihr die Rubrik »Diskussion« in Aufhebung 7. Er macht deutlich: »Mit einem fehlinterpretierten Lukács verteidigt Vellay einen Marxismus, der Marx und Engels widerspricht, Lenin missversteht, Lukács widerlegt und Holz aus dem Marxismus herauslöst.«

Michael Nareyek wirft Dieter Kraft vor, in seinem Beitrag »Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft« in Heft 6 nur seine eigene, also Krafts Philosophie darzustellen, nicht aber die Hegels. Nareyek wirft ihm mangelnde Kenntnisse in den Naturwissenschaften und aus diesem Mangel resultierende philosophische Fehler vor. Besonders verheddere sich Kraft in der Auseinandersetzung mit den Auffassungen von Marx und Engels zur hegelschen Philosophie.

Den Abschluss dieses Heftes bildet eine Rezension von Martin Küpper. Er hat sich die umfangreiche Arbeit »Dialektik als philosophische Theorie der Selbstorganisation. Hegel und Marx in aktuellen Auseinandersetzungen« von Henriette Hübner vorgenommen. Obwohl auf den knapp 800 Seiten viele Aspekte der Selbstorganisation zur Sprache kommen, heißt es bei Küpper schließlich: »Es entsteht der Eindruck, dass die in den Selbstorganisationskonzeptionen erreichten Ergebnisse, wenn sie Erwähnung finden, für einen Zweck abgegriffen werden, der außerhalb ihrer theoretischen Ansprüche liegt. Naturwissenschaftliche Bezüge werden häufig mehr benannt als begründet und ihre Vertreter werden zuweilen im Vorbeigehen mit Lob oder Kritik überzogen. Es stellt sich die Frage, was denn eigentlich mit dieser Studie begründet und neu erstellt werden soll? Wie soll dieses Buch zu greifen sein? Denn tatsächlich wird auf knapp 800 Seiten mehr über den Untertitel räsoniert und eine nicht zwingende Verknüpfung zum Titel hergestellt.«

Zum Schluss möchten wir noch auf zwei weitere Publikationen hinweisen. Demnächst erscheint ein Band mit den drei Vorträgen der Hans-Heinz-Holz-Tagung 2015 in Berlin. Er enthält die Beiträge von Hermann Klenner, Georgios Kolias und mir nebst einem Vorwort und einer Dokumentation der Diskussion zu den Referaten. Gegen Jahresende wird auch der Band mit den Beiträgen der »4. Salzburger Tagung für dialektische Philosophie« vom März 2015 erscheinen. Mehr Informationen dazu sowie Vorbestellmöglichkeiten finden sich auf unserer Internetseite.

Berlin/Salzburg, September 2015