junge Welt: Mit Hegel über ihn hinaus

Das war die vierte Salzburger Tagung für dialektische Philosophie

Von Lena Kreymann

Am Samstag fand die letzte Tagung der »Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie« statt, denn es gibt sie nicht mehr. Eine traurige Nachricht ist das nicht.

Der Verein war 2012 gegründet worden, er hatte sich die Auseinandersetzung mit dem Denken des im Jahr zuvor verstorbenen marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz zum Ziel gesetzt. Kein Wunder, mag man denken, dass einem solchen Projekt in diesen Zeiten keine lange Lebensdauer beschieden ist. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die kleine Gesellschaft wächst. Am Sonntag kamen die Mitglieder zusammen und benannten sie um, indem sie den Bezug auf Salzburg aus dem Namen strichen – sie heißt jetzt »Gesellschaft für dialektische Philosophie«, will expandieren und weitere Grundorganisationen schaffen, auch außerhalb Österreichs. In Berlin ist dies am 1. März bereits geschehen.

Bei der Tagung war der Anteil an Nichtösterreichern im etwa 30köpfigen Publikum schon sehr hoch, die Referenten kamen mehrheitlich noch aus dem Alpenstaat. Dem Vorsitzenden Stefan Klingersberger zufolge waren erstmals Personen auf den Verein zugegangen und hatten angeboten zu referieren. War die daraus resultierende Themenvielfalt recht ansprechend, so fehlte doch ein übergreifendes Thema, eine Grundstruktur. Mit sieben Kurzvorträgen von vorwiegend jungen, selbst noch studierenden Philosophen war diese vierte Salzburger Tagung für Dialektische Philosophie ein Parforceritt durch Ästhetik, Philosophie der Mathematik, politische Philosophie und Gesellschaftstheorie, Ontologie und philosophische Anthropologie.

Der Berliner Abschlussreferent Andreas Hüllinghorst schaffte es dennoch, mit dem Thema »Über den Anfang dialektischen Philosophierens« eine Klammer zu bilden und gleichzeitig das auf der Tagung vorherrschende Verhältnis zu dem Philosophen zu benennen, auf den am häufigsten Bezug genommen worden war: »Nach Hegel kann man Hegel nicht mehr wie Hegel denken.«

Die der Dialektik innewohnende Weiterentwicklung ihrer selbst mitzugehen bedeutet, mit Hegel über dessen eigene Philosophie hinauszugehen. Und das bedeutet auch, mit Marx über die Veränderbarkeit der Welt nachzudenken. In mehreren Referaten tauchten davon abgeleitete Fragestellungen auf: nach der Rolle der Arbeiterklasse und deren Organisation etwa oder danach, ob die Negation der Negation noch das treibende Entwicklungsprinzip in der kommunistischen Gesellschaft sein könne. Viele Beiträge beschränkten sich auf die Rekonstruktion bestimmter Positionen, zeugten aber dennoch von großer Sachkenntnis und einer regen philosophischen Auseinandersetzung.

Zeitgleich mit der Tagung erschien die neue Ausgabe der Vereinszeitschrift Aufhebung. Deren inhaltliches Herzstück ist »Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft« des Theologen Dieter Kraft, das Manuskript einer Vorlesung, die dieser im April 2013 an der Universität Potsdam gehalten hatte. Die nächsten Publikationen plant der Verein bereits. Noch im Frühjahr soll ein Band zu der von ihm mitorganisierten Hans-Heinz-Holz-Tagung erscheinen, die im Februar in Berlin stattfand. Und auch die Vorträge der Konferenz am Samstag sollen publiziert werden.

Quelle: junge Welt vom 25. März 2015,
https://www.jungewelt.de/2015/03-25/006.php